Projekt Langlebigkeit: Kolostrum-Versorgung des Kalbes

Der Begriff „Langlebigkeit“ im Bereich der Rinderaufzucht und -haltung wird viel diskutiert. Zunächst einmal ist es natürlich schön, wenn Tiere sehr alt werden. Nicht immer ist ein altes Tier aber auch wirtschaftlich. Eine große Rolle spielt hier die Bewertung „Leistung pro Lebenstag“, welche die von einem Tier produzierte Milchmenge durch die Anzahl der Lebtage beschreibt. Die Lebtagsleistung einer Holstein-Kuh sollte mehr als 18 Liter pro Tag bei den Abgangstieren betragen. Um die Tiere in die Lage zu versetzen, solch hohe Lebtagsleistungen zu erreichen, sind bereits die ersten Lebensstunden der Kälber von herausragender Bedeutung.

Hygiene im Abkalbestall

Eine gute Versorgung der Kälber nach der Geburt ist in vielen Betrieben mittlerweile glücklicherweise standardisiert. Dennoch ist hier noch „Luft nach oben“. Kälber müssen in einer sauberen Umwelt geboren werden. Mangelnde Hygiene zum Start ins Leben kann später nicht kompensiert werden. Das Immunsystem des neugeborenen Kalbes ist zunächst nicht ausgebildet. Das Kalb ist also nicht gegen Krankheitserreger geschützt. Der Grund liegt im Aufbau der Plazenta (Mutterkuchen). Diese lässt beim Rind aufgrund ihrer Dichte keine direkte Übertragung von Antikörpern (Immunglobulinen) vom Blutkreislauf der tragenden Kuh auf das Kalb zu.

Antikörper für Kälber

Um einen Schutz beim Kalb zu erreichen, muss ihm deshalb Kolostrum mit vielen Antikörpern (Immunglobulinen) oral verabreicht werden. Als Faustzahl gilt: in den ersten vier Stunden vier Liter Kolostrum. Je mehr das Kalb trinkt, desto besser. Da der Labmagen des neugeborenen Kalbes kein Fassungsvermögen von vier Litern hat, läuft die Milch vor allem in den Darm über. Ausnahmsweise ist dieser Umstand in diesem Moment von Vorteil. Sofern das Kolostrum hygienisch gewonnen wurde, werden nun die Immunglobuline durch den noch sehr durchlässigen Darm aufgenommen.

Immunglobuline im Darm

Warum nun so viel in so kurzer Zeit? Man stelle sich den Darm als eine Leitung mit vielen Ventilen vor. Diese Ventile bringen die Immunglobuline der Milch aus dem Darm direkt in den Blutkreislauf des Kalbes. Die Ventile sind nach der Geburt circa vier Stunden offen. Wenn nun die ersten Immunstoffe durch die Öffnungen gelangt sind, geben sie das Signal: „mit dem Schließen der Ventile beginnen“. Der Prozess ist bereits nach einer Stunde abgeschlossen. Da die Biestmilch aber zudem viele andere wertvolle Stoffe enthält, sollten die ersten Gemelke der Kuh mindestens über zwei Tage an das Kalb gefüttert werden.

Qualität der Biestmilch prüfen

Die inhaltliche Qualität des Kolostrums lässt sich mit einem „Kolostrum-Densimeter“ (Kolostrumspindel) sehr einfach ableiten. Wenn die Biestmilch in Qualität und Menge nicht ausreicht, sollte sie mit einem Kolostrumergänzer aufgewertet werden, beispielsweise Miravit Oramun Plus. Manchmal steht nicht ausreichend Kolostrum zur Verfügung. Keinesfalls sollte Biestmilch von euterkranken Tieren oder Tieren mit einer Infektion an die Kälber verfüttert werden. Für diese Fälle haben fast alle Landwirte Kolostrum eingefroren. – Wichtig: Wenn Tiere Paratuberkulose positiv sind, sollte die Milch nicht an die Nachzuchtkälber vertränkt werden.

Einen einfachen Nachweis, ob die Kälber gut mit Kolostrum versorgt wurden, kann der Hoftierarzt mit einer Blutprobe führen. Kälber mit einem Gesamteiweißgehalt von mehr als 55 Gramm/Liter gelten als gut versorgt.

Dr. Bernhard Lingemann
Fazit

Die Versorgung der Kälber mit Kolostrum kann nicht nachgeholt werden. Deshalb sind gerade die ersten Lebensstunden von Bedeutung. Kein Futter ist günstiger als Kolostrum und keines hat eine so große, nachhaltige Wirkung auf das Tier. Betriebswirtschaftlich gesprochen: Der „return of investment“ (Kapitalrückfluss geteilt durch die Investitionskosten) ist hier riesig.

Weitere Informationen bei Tierarzt Dr. Bernhard Lingemann, Telefon 0251 . 682-2286, bernhard.lingemann@agravis.de, und unter www.agravis.de.


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